Expedition: Nachhaltige Entwicklung
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Türkei
Syrien
klapprig, symphatischer schwedischer TGB1314 ;-)
Libanon
Jordanien

Hier ein kleiner Ausschnitt aus seinem Tagebuch:

Die Sonne sticht von oben herab, die Asphaltstrasse schillert in der Ferne. Links und rechts umgibt uns die ägyptische Wüste, das Thermometer misst 27 Grad. Die einzige Abwechslung während der Fahrt in diesem Sandmeer sind Polizei-Checkpoints, die uns immer wieder die gleichen einfache Fragen stellen: “Which Nationality?”, “How many persons?” und “Where are you going?” Wir haben uns inzwischen ein Hobby daraus gemacht auf diese selten simplen Fragen, einfach nur noch mit Blödsinn zu antworten. “New York.” sei unser Ziel, die Uniformierten nicken und wünschen uns eine gute Fahrt. Wohin soll man schon in einer Wüste fahren, wenn es nur eine einzige Straße gibt? Geradeaus natürlich. Tatsächlich müssen wir übermorgen Assuan erreichen, wo unser Auto, ein betagter aber sehr gutmütiger alter Volvo-Geländelaster auf das Ponton in den Sudan verladen werden soll.

Seit knapp drei Monaten sind wir jetzt auf dem Weg. Mitte Oktober haben wir uns aus dem Staub gemacht und sind, gerade so eben, dem Wintereinbruch in Deutschland entronnen. Wir haben den ersten Schnee noch kurz vor der Tschechei gesehen, bevor wir dann ein paar wunderschöne spätsommerliche Tage in Rumänien genießen durften. In der Türkei konnten wir ein paar mal baden und haben seit Syrien fast durchgehend Sonnenschein.

Doch wo fahren wir eigentlich hin und warum machen wir diese Reise? Es ist nicht nur die Faszination des Reisens, die uns aufbrechen ließ, um von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu- und an den Menschen vorbeizufahren. Wir machen diese Reise, die wir “Expedition nachhaltige Entwicklung” getauft haben, weil uns die Frage bewegt, in wieweit aus Europa geleistete Entwicklungshilfe einen Effekt auf diejenigen hat, die diese erreicht. Uns geht es dabei nicht darum, etwas innerhalb dieser sehr konträr geführten Debatte zu beweisen. Vielmehr wollen wir uns tatsächlich mit dieser Frage auseinander setzen und uns fernab der Literatur, der gut gemachten Werbekampagnen vieler Hilfswerke und der zynischen Contra-Argumente neoliberaler Wirtschaftsdenker ein eigenes Bild machen, in dem wir Menschen und Projekte auf dem Weg zwischen Deutschland und Kenia besuchen. Natürlich setzen wir uns dabei immer wieder mit den beiden Hauptargumenten beider Lager auseinander.

Die Helfer und Humanisten sehen das Leid und Schicksal des einzelnen und fragen, in wie weit es ein Mensch zulassen kann, dass Kinder, unschuldige Wesen, die nie einem anderen etwas zuleide getan haben, in ein Schicksal der Armut, des Hungers und Elends geboren werden, während deren Altersgenossen in der westlichen Welt von ihrem ersten Atemzug an medizinisch perfekt umsorgt und ab dem frühesten Kindheitsalter mit modernsten Lehrmethoden auf ihr späteres Leben vorbereitet werden. Sie sehen die Ungerechtigkeit zwischen denen, die nach sechs Stunden Schulunterricht sich ihren Hobbys und Freuden widmen können gegenüber denen, deren Alltag sich nur zwischen Wasserholen, Hausarbeit und Feldarbeit unterscheidet, und die, wenn sie Glück haben, mit einem kaputten Reifen auf einer staubigen Straße spielen dürfen. Kann so die Lücke, die bereits heute zwischen Nord und Süd klafft nicht nur noch größer und unüberwindbarer werden, wenn man seine Augen davor verschließt?

Die Kritiker betrachten dieses Szenario hingegen aus einer weiter entfernt liegenden Perspektive und begreifen die gesellschaftliche Entwicklung eher als Funktion. Sie gucken unter anderem auf Statistiken und wundern sich: Wie kann es sein, dass trotz intensivster und teuerster HIV-Präventionsarbeit nach wie vor die Zahl Infizierter in der Dritten Welt unaufhaltsam steigt? Wie kann es sein, dass ein Land, in das unendlich viel Geld deutscher Steuerzahler fließt, um Bildung, Wasserversorgung und Frauenrechte voranzubringen, gleichzeitig über wesentlich mehr und darüber hinaus besser bezahlter Minister verfügt als Deutschland, diese aber kaum etwas für ihr eigenes Land tun? Wieso sollte man in dem hinterletzten afrikanischen Dorf einen Wasserbrunnen bohren, was im allgemeinen eine Tätigkeit ist, die keine allzu hohe technische Herausforderung darstellt, wenn die Menschen dies zwar selber tun könnten, es aber aus Bequemlichkeit oder Streits untereinander unterlassen, es
jedoch schaffen, in dem selben Dorf über eine verlässliche und permanente Versorgung an PrePaid-Skretchkarten für Mobiltelefone und CocaCola-Flaschen inklusive eines Pfandsystems zu Verfügen? Und vor allem - welches Signal setzt man, wenn man sich hier einmischt? Warum sollte ein Dorf einen Brunnen selber finanzieren, wenn das Nachbardorf einen geschenkt bekommen hat? Es könnte ja reichen, einfach lange genug zu warten und lauthals zu reklamieren, dass man auch so einen Brunnen der Gerechtigkeit halber haben wolle.

Die Kritiker begreifen Entwicklung als etwas, das nur von innen heraus funktionieren kann und machen darauf aufmerksam, dass durch eine Abnahme von Aufgaben, in welchem Bereich auch immer, ein Vakuum entsteht. Wenn von ausländischen NGOs Brunnen gebohrt werden, warum sollte der eigene Staat noch Brunnen bohren? Wenn von ausländischen Trägern Kinderheime eingerichtet werden, warum sollte sich der Staat noch um Waisen kümmern? Wenn ausländisches Krankenpersonal ins Land kommt, warum sollte dann jemand noch selber die medizinischen Fakultäten besuchen? Welche Chance hat ein afrikanischer Medizinabsolvent in seinem eigenen Land, anerkannt und aufgesucht zu werden, wenn europäische Fachärzteteams die selben Eingriffe und Behandlungen kostenfrei anbieten?

Seit dem wir unterwegs sind, diskutieren wir derartige Fragen immer wieder an immer neuen Beispielen, oftmals angereichert durch komplizierte, kulturhistorische Tatsachen. In nahezu jedem Land haben wir verschiedene Projekte besucht und mit verschiedensten Menschen gesprochen und je weiter wir in die Frage eintauchen, desto diffuser fällt die Antwort aus.

Der Argumentation der Kritiker können wir entgegnen, dass sie bei weitem zu mechanisch konstruiert ist. Denn betrachten wir den einzelnen, ist es absurd anzunehmen, dass Menschen, die unter den schlimmsten Lebensbedingungen leben und jeden Tag um ihr Überleben kämpfen, von sich aus anfangen werden, an ihrer gesellschaftlichen Gesamtsituation durch langfristig angelegte Maßnahmen etwas zu ändern. Weder haben sie hierfür die nötigen Mittel zur Verfügung, noch besitzen die meisten aufgrund einer mangelnden oder gar nicht vorhandenen Bildung über die Fähigkeit einer solchen strategischen und abstrakten Langzeitplanung. Menschen, die von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben, leben im Jetzt, im heute. Was morgen kommt ist diffus und die Zukunft etwas, was gerne ausgeblendet wird. Betrachten wir auf der anderen Seite die Hypothese, dass allein durch die Streichung externer Hilfe ein Regierungswechsel eintreten wird, scheint uns auch dies höchst fraglich. Eine politi
sche Führung, gerade in einem Land in dem ihre demokratische Legitimation auf fragwürdigen Beinen steht, fängt nicht mit einer nachhaltigen Politik an, nur weil dies ansonsten von keinem anderen geleistet wird. Es gibt genügend traurige Beispiele seit dem Ende der Kolonialisierung in den 60er Jahren, in dem korrupte Administrationen ihre Steuereinnahmen und Devisen lieber in Privatvillen und Schweizer Nummernkonten investiert haben, als davon Schulreformen und Präventionskampagnen zu finanzieren.Ungerührt von der An- oder Abwesenheit internationaler Hilfswerke im Land.

So dreht sich die Argumentation im Kreis, doch wir wollen uns von dieser Spiralfahrt nicht schwindelig machen. Es scheint uns persönlich verfehlt, diese Diskussion nur im Großraumkontext zu führen, genauso, wie es uns absurd erscheint, anzunehmen, dass es den einzelnen und richtigen Lösungsweg gibt.

Deswegen haben wir uns aufgemacht, um mit den einzelnen Menschen über ihre Erfahrungen und Sichtweisen zu sprechen. Mit internationalen Hilfswerken, wie mit kleinen Privatinitiativen. Und vor allem - mit den Menschen, die diese Hilfe erreicht. Wir wollen sehen, was durch das Engagement erreicht wird und was funktioniert, genauso wie, was keine Wurzeln trägt oder verharrt.

Über unsere bisherigen Erfahrungen im arabischen Raum werde ich im nächsten Text berichten. Unter anderem über den ersten freien politischen Radiosender Jordaniens, über ein palästinensisches Flüchtlingslager im Libanon und eine deutsche Tierrettung in der Türkei. Wer bis dahin mehr über uns und unsere Expedition erfahren will, kann auf unserer Internetseite http://www.expedition-nachhaltige-entwicklung.de vorbeischauen.

Johanna

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